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Genre: Volkssage Gebiet: Gondor, Küstenregion Zielgruppe: Alle Autor: Aerin Dies ist eine Geschichte, die vor allem unter den Seeleuten weit verbreitet ist, und die man oft in den Küstendörfern und Hafenstädten Gondors erzählt, wenn draußen der Sturm pfeift und der Wind an den Fensterläden rüttelt. Es heißt, dass gerade zu diesen Zeiten, wenn dunkle Wolken den Himmel bedecken, und der Regen sich wie ein undurchdringlicher Vorhang über das Meer legt, dass man sie hören kann, die Stimme der Aliessa, deren Wehklage vom Meer kommend auf dem Wind getragen wird und um die Häuserecken pfeift. Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf an der Küste ein wohlhabender Fischer mit dem Namen Ferenost. Er war der reichste und einflussreichste Mann im Dorf, er besaß das größte Haus, den besten Handel und auch die meisten Fischerboote. Doch trotz allen Glanzes wurde ihm nachgesagt, dass er grausam war, und leise Stimmen flüsterten, dass sein Weg zum Reichtum auf dunkle und unnatürliche Weise zustande gekommen war. Dieser Fischer, so wollte es der Zufall, hatte sich in Aliessa verliebt, das schönste Mädchen des ganzen Dorfes. Ihr langes, flachsfarbenes Haar glänzte im Sonnenlicht wie helles Gold, ihre grauen Augen waren wie ein Spiegel des Meeres, ihre Haut weiß wie die Gischt der Wellen, und ihr Antlitz verriet Anmut und Schönheit. Sie verstand die Sprache der Vögel, oft und gerne redete sie mit ihnen, und diese waren ihre besonderen Freunde. Ferenost wurde von Sehnsucht nach Aliessa geplagt, er konnte das wunderschöne Mädchen nicht aus seinen Gedanken vertreiben; sein Herz schlug wie wild nach ihr, doch Aliessa lehnte ihn ab und erwiderte seine Gefühle in keinster Weise. Trafen sie sich auf der Straße ging sie ihm aus dem Weg, schenkte er ihr Blumen nahm sie sie nicht an, und wollte er sich ihr annähern stieß sie ihn weg, denn der Fischer war ihr unheimlich, ahnte sie doch von seinen dunklen Machenschaften, und sie mied ihn wo sie nur konnte. Ferenost, der es gewohnt war, dass ihm alles zufiel und sich alle Menschen seinem Willen beugten, erzürnte ihre Ablehnung, und als die Tage und Monate vergingen und Aliessa sich immer noch nicht umstimmen ließ hegte er einen heimtückischen Plan aus. In einer dunklen Nacht, als sich eine friedliche Stille über das Dorf gelegt hatte, schlich er sich aus der Siedlung in eine geheime Lichtung des nahegelegenen Waldes, die nur er kannte und wo ihn keiner finden würde. Dort beschwor er dunkle Mächte herauf, die sich wie schwarze Schatten aus der Finsternis erhoben: der Himmel verdunkelte sich, ein unnatürlicher Wind kam auf, und die Kreaturen wurden ausgeschickt, um Aliessa zu holen. Die alte Eule, die in dieser Nacht durch den Wald streifte, erkannte den bösen Plan des skrupellosen Fischers, und so schnell wie sie konnte flog sie ins Dorf zu Aliessa, um sie vor dem Unheil zu warnen. Auf lautlosen Schwingen flog sie durch das Schlafzimmerfenster der jungen Frau und erweckte sie aus ihrem Schlaf, und eindringlich warnte sie Aliessa vor den Geistern, die sie holen sollten. Wie der Wind verließ Aliessa das Haus, und barfuss lief sie bis zum Strand, dort wo die Fischerboote auf dem Meer schaukelten, immer weg von den Geistern Ferenosts, die sie jagten. Hätte sie näher hingesehen, so wäre ihr aufgefallen, dass der Wasserpegel in dieser Nacht höher war als sonst, und dass der frische, seltsam starke Westwind nichts Gutes verhieß. Doch Aliessa nahm die Gefahr nicht wahr, die sich vor ihr auftat, denn mehr als alles andere fürchtete sie, in die Klauen der Kreaturen zu gelangen, die Ferenost schickte. So löste sie das Tau eines der kleinen Boote, sprang hinein und ruderte auf das offene Meer hinaus. Es dauerte nicht lange, da wurde das Boot mitgerissen von großen, sich vor ihr auftürmenden Wellen, denn ein großer, schwarzer Sturm braute sich über dem Meer zusammen, und der Wind wehte immer stärker um sie herum. So ein Sturm ward selten auf dieser Welt gesehen: Blitze durchzuckten den schwarzen Himmel, der sich drückend auf die Erde niederzulegen schien, der Regen peitschte herab, kälter als Eis und härter als Eisen, und der tosende Wind heulte unbarmherzig und erdrosselte jegliches andere Geräusch. Hin und her wurde das kleine Boot geworfen, und schließlich konnte Aliessa sich nicht mehr halten: einen Fluch auf den Mann ausstoßend, dem sie ihr Unglück zu verschulden hatte, versank sie in den reißenden Fluten der aufgewühlten See und ward nie wieder lebend gesehen. Der Sturm wütete unbeirrt weiter, doch Aliessas Wehklage wurde vom Wind aufgenommen und von ihm weitergetragen, und die Möwen brachten die traurige Kunde ihres Niederganges an Land. So erreichte das traurige Lied schließlich auch Ferenost, und als es ihn gefunden hatte verließ es ihn nie wieder: Tag und Nacht begleitete Aliessas Wehklage den Fischer, ihre Stimme vernebelte seine Sinne und plagte sein Gewissen, bis er sich vor Gram und Reue über seine eigene Tat von einer steilen Klippe ins Meer stürzte, um ihr nasses Grab zu teilen. Und auch heute noch, dessen sind die Seefahrer überzeugt, kann man die Wehklage der Aliessa hören, wenn böse Mächte über dem Meer ihr Unwesen treiben: wenn der Sturm besonders schlimm wütet, der Himmel verhangen ist mit schwarzen Wolken und selbst die Möwen ihre Nester hüten, wenn der Wind am stärksten ist und wie besessen an Masten und Segeln reißt, dann singt die tragische Maid ihr schauriges Lied. Es ist eine Warnung für jeden Seefahrer: wenn Aliessa ruft, dann ist die See besonders gefährlich, und sich auf ihr befindende Schiffe sind nicht selten dem Untergang geweiht. Doch manch ein Seefahrer weiß auch von etwas anderem zu berichten: wurde er bei solch einem Sturm von Bord gespült, und schien er in der tosenden See unterzugehen und zu ertrinken, so kam es vor, dass er wie durch Zauberhand aus der Tiefe emporgezogen wurde und an der Wasseroberfläche trieb, solange bis Rettung nahte. Niemals konnte er sich an die genauen Geschehnisse erinnern - lediglich ein Bild hatte er vor Augen: graue Augen in einem weißen Gesicht, das von flachsfarbenen Strähnen umrahmt wird… <<< Zurück zur Übersicht |
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