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Genre: Märchen/Naturmärchen Gebiet: Gondor Zielgruppe: Alle Autor: Aerin Endlich war der Winter vorbei, der eisige Nordwind hatte sich in seine kalten Hallen zurückgezogen, und die Sonne verbannte auch die letzten kläglichen Schneereste in die dunkelsten Ecken des großen Waldes. Ein warmer Südwind mit dem Duft nach Frühlingsblumen wehte nun durch die kahlen Äste der Bäume, die noch friedlich am Rand des kleinen Bachs schlummerten, und die Luft war erfüllt von Vogelgezwitscher. Die Weiden waren die ersten, die ihr grünes Blätterwerk anlegten, ihnen folgten bald darauf die weißstämmigen Birken, Brautjungfern ähnelnd in ihren weißen Gewändern. Die alte, ehrwürdige Eiche ließ sich etwas mehr Zeit, denn sie überlegte lange hin und her, welche Bekleidung ihr wohl am besten stehen würde. Schließlich entschied sie sich für ein dunkelgrünes Gewand aus großen, wohlgeformten Blättern, welches ihr in der Tat gut stand. Nur die Esche schlummerte weiter, sie hörte nicht das Summen der Bienen oder den Gesang der Vögel in den Bäumen, nicht einmal ein vorüberziehendes Gewitter mit gleißenden Blitzen und grollendem Donner konnte sie aus ihren tiefen Träumen erwecken. Der warme Südwind blickte auf die Esche hinunter und schüttelte den Kopf; kurz entschlossen raste er herab und sandte eine mächtige Windböe durch ihre kahlen Äste, woraufhin die Esche endlich aufwachte. Verschlafen blickte sie sich um und sah die anderen Bäume in ihren festlichen grünen Gewändern, und verschlafen fragte sie: "Ist der Frühling denn schon da?" "Schon lange!" lachten die Birken, "Und du schläfst und schläfst!" Die Esche blieb stumm und stellte keine weiteren Fragen, denn es war ihr unangenehm, so ausgelacht zu werden. Stattdessen setzte sie alles daran, sich möglichst schnell ein neues Gewand zu schaffen, um dem Hohn der anderen Bäume zu entgehen. Doch wie das so oft ist, wenn man sich beeilt, war das Ergebnis alles andere als schön: alles, was die Esche hervorbrachte, war eine geringe Menge an unscheinbaren, kleinen Blättern, die wie Stacheln in alle Richtungen hinausragten und kaum dazu reichten, ihre Nacktheit zu verdecken. Wieder hob sie sich von den anderen Bäumen in ihren prächtigen Gewändern ab, und sie war alles andere als glücklich über ihre Arbeit. Dennoch nahm sie sich feste vor, nicht die erste zu sein, die im Herbst ihr Blätterwerk wieder ablegt, denn in der Beziehung wollte sie den anderen Bäumen ebenbürtig sein. Doch kaum war der Sommer vorbei, und der kalte Nordwind blies wieder durch die Äste und Zweige, fragte die Esche sofort: "Ist der Herbst schon da?" "Ja, er kommt, er kommt!" heulten die anderen Bäume, die fühlten, wie der unbarmherzige Nordwind an ihren Blättern zerrte, den Moment fürchtend, an dem sie ihres prächtigen Gewandes beraubt würden. Die Esche jedoch freute sich: sie ließ den Wind gewähren und entledigte sich sofort ihres mickrigen und schlecht sitzenden Blätterwerks, nur um wieder kahl neben den anderen Bäumen zu stehen, die dem Nordwind um jedes Blatt erbitterten Widerstand leisteten. Aber meint ihr, die Esche hätte für das kommende Jahr ihre Lektion gelernt? Nicht im geringsten. Sie erinnerte sich an gar nichts von dem, was geschehen war: im nächsten Jahr passierte ihr wieder dasselbe, und im nächsten, und im nächsten. So ist es seitdem immer gewesen: im Frühling ist sie die letzte, die ihr bescheidenes Kleid anlegt, nur um im Herbst die erste zu sein, die das blättrige Gewand wieder abgibt. <<< Zurück zur Übersicht |
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